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Warnschuss

Moritz / Schauspieler / Köln

Tja, was soll ich sagen. Irgendwie war es ja klar, dass das mal passieren würde. Vorgestern Nacht war es dann soweit. Ein erster nächtlicher Essanfall.

Wir waren auf einer Geburtstagsfeier. Feiern sind für mich zur Zeit Risikoanlässe. Geselliges Beisammensein, Schwatzen beim Weinchen oder Bierchen – oder magst du nicht doch auch einen Hugo oder Aperol? – Würstchen auf dem Grill oder ein opulentes Buffet vor der Nase ... wunderbar. Ich liebe das. Wer nicht? Aber wunderbar verlockend ist das eben auch. 

Ich hatte mich ganz nach Plan vorbereitet. Am Tage hatte ich mich viel bewegt. Ich hatte nicht zu viel gegessen und mir auch die Punkte für alkoholfreies Bier mit einberechnet und solches auch mitgenommen, für den Fall, dass es keines gibt. 

Aber ich war leider auch leichtsinnig. 

Ich hatte mich eben doch nicht ganz nach Plan vorbereitet. Ob ich zu faul war mir noch etwas vorzubereiten, oder ob ich aus falschen Stolz heraus meinte, ich könnte das schon hinbekommen? Ich weiß es nicht – oder will es nicht wissen. 

Die möglichst regelmäßige Einnahme der Mahlzeiten ist laut Ernährungsberaterin, Therapeutin und Ärztin eine wichtige Säule des Gewichthaltens. Für mich absolut schlüssig. Ich habe meist in Phasen mit sehr unregelmäßigen Zeiten zugenommen. 

Daher habe ich seit Beginn meines Programm im Februar das Haus nie ohne von mir vorbereitetes und vorher berechnetes Essen verlassen. Aber diesmal hatte ich mir kein Sicherheitsessen mitgenommen.

Das war ein Fehler, wie sich leider herausstellte.

Die Salate waren alle mit leckerem Dressing, Obst und Nüssen versehen, helles Brot und auf dem Grill der Tod der Gewichtskontrolle, Bratwürstchen – Burger, Pizza, Schokolade, alles Waisenkinder im Vergleich zu Bratwürstchen. Natürlich habe ich dann nur ganz wenig zu mir genommen. Eine halbe Bratwurst, ein Brötchen, etwas von dem Salat. Zuhause würde ich dann noch etwas essen, hatte ich mit vorgenommen. 

Und habe dann, weil es ein so schöner Sommerabend war und man ja nie wieder so jung zusammenkommt, und, und, und, dazu noch drei 0,33 Flaschen Bier getrunken. Keine riesige Menge für einen siebenstündigen Aufenthalt auf einer Feier, aber für mich zur Zeit eben noch zu viel. 

Es war eine schöne Party. Und wir blieben lang. 

Zu Hause kamen wir dann um 03:30 Uhr morgens an. Ich hatte inzwischen richtig Hunger. Bine ging bald ins Bett und ich habe mir nach meiner Tabelle mein eingeplantes Abendessen gemacht. 

50g Vollkornnudeln mit 150g Gemüse, 50g selbst gemachte Tomatensauce, etwas Parmesan und ein Teelöffel Olivenöl. Damit wäre dann auch der Kostplan des Tages aufgegangen (abgesehen von dem Bier). Die Menge war objektiv auch völlig ausreichend. Aber ich hatte ja den Hunger mit an den Tisch gebracht. 

Mit Hunger im Bauch einzukaufen, führt bekanntlich dazu, dass man zu viel einkauft. Erst zu essen, wenn der Hunger bereits groß ist – in diesem Fall war es ja physischer Hunger, der dann in emotionalen Hunger kippte – hat einen ganz ähnlichen Effekt und war folgerichtig ein Fehler.

Ich hätte einfach ins Bett gehen können und die drei kleinen Bier wären vergessen gewesen. Mit dem Sport gestern und dem Sport, der heute ansteht, hätten diese kein Problem dargestellt. Keinen Beinbruch jedenfalls. 

Aber ich bin nicht ins Bett gegangen. 

Ich habe noch den Rest einer Pizza vertilgt, die noch im Haus war. 

Und dann kam der Klassiker, das schlechte Gewissen und diese hinterlistigen Gedanken, es sei ja nun eigentlich egal, einmal ist keinmal, Belohnung muss sein und so weiter. 

Und obwohl ich es doch besser weiß, und obwohl ich in meinem letzten Beitrag hier genau darüber geschrieben habe, habe ich dem Heißhunger nachgegeben. 

Ich habe dann noch eine Schreibe Brot mit Käse gegessen, und dann noch eine, und dann noch eine mit Frischkäse und Marmelade und auch eine solche noch obendrauf. 

Mit einer großen Willensanstrengung konnte ich an dieser Stelle dann doch den Anker werfen und mich ins Bett verziehen. Zum ersten Mal seit langem mit den ehemals so allgegenwärtigen Gewissensbissen das Essen betreffend.

Diese Gewissensbisse waren auch am Morgen nicht verflogen. 

Die Waage spuckte mir „zwei Kilo mehr als gestern!“ ins Gesicht.

Das Nachtragen des gestrigen Abends in mein Ernährungstagebuch war eine niederschmetternde Erfahrung. Geholfen hat diese Routine trotzdem ein wenig. 

Ich habe mir damit meinen Aussetzer zumindest selbst eingestanden und mich dann gleich hingesetzt und diesen Beitrag geschrieben. Auch das hat geholfen. 

Der eine Abend wird mein Ziel das Gewicht zu halten nicht nachhaltig ruinieren. Passiert ist passiert. Ich muss einfach noch besser aufpassen und tatsächlich immer etwas zum Essen mit mir herumtragen, damit ich erst gar nicht in die Lage komme, mit zu viel Hunger vor dem Kühlschrank zu landen. Es war ein Warnschuss. Mehr nicht. 

Fühlt sich nur leider nicht so an.