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Gedanken über Bodyshaming

Maria / Redakteurin / Eifel

Ich habe mir ein paar Gedanken zum Thema Bodyshaming gemacht. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung und die möchte ich mit euch teilen.

Im Gegensatz zu Moritz war ich nie richtig dick. Ich war auch nie richtig dünn. Ich bin eine echte Durchschnittsfrau. 168 groß, Kleidergröße 36/38. Ich habe in meinem Leben zweimal mehr als 20 Kilo in 9 Monaten zugenommen. Weil ich schwanger war. Davor und danach hatte ich immer einen mehr oder weniger normalen Körperbau. Ein paar Speckröllchen am Bauch, kräftige Oberschenkel, muskulöse Arme und Waden. Mein Gewicht hat sich seit ich erwachsen bin immer irgendwo zwischen 55 und 65 Kilo bewegt. Da hat statistisch gesehen, erst mal niemand was zu meckern. Das ist nämlich im Bereich des Normalgewichtigen. Idealgewicht sozusagen. 

Und trotzdem war ich nie ganz zufrieden mit meinem Körper. Und trotzdem wurde auch mir in jungen Jahren gesagt, dass ich ja „schon ein kleines Bäuchlein hätte“. Und als ich nach meiner 2. Schwangerschaft mit Hilfe eines renommierten Punktesystems den Kilos, die mich davon abhielten in meine Lieblingsjeans zu passen, den Kampf ansagte und in 3 Monaten gute 13 Kilo abnahm, wurde mir auch gesagt, dass „jetzt aber genug sei“. 

Mein persönliches Wohlfühlgewicht liegt im unteren Bereich meiner persönlichen Gewichtsspanne. Aber da war ich schon lange nicht mehr. Mein Körper scheint sich auf 63 Kilo festgelegt zu haben. Dieses Gewicht bleibt, ohne dass ich groß was machen muss. Ich esse gesund, trinke immer mal ein Bier oder einen Sekt und wenn eine Tafel Schokolade offen ist, kann ich sie schlecht liegen lassen. Ich sitze tagsüber viel am Schreibtisch, aber meistens komme ich mindestens einmal am Tag für einen längeren Spaziergang raus, denn der Hund will nicht den ganzen Tag unter meinem Schreibtisch liegen.

Aber richtig wohl fühle ich mich im Moment nicht. Gefühlt bin ich zu dick. Gefühlt würde ich mich mit 7 Kilo weniger deutlich wohler fühlen. 

Vor ein paar Tagen ging mal wieder ein Foto irgendeiner jungen Frau durch die Medien, die sich 12 Tage nach der Geburt ihres ersten Kindes im Bikini am Strand zeigte. Mutig wurde es genannt, dass sie sich mit ihrem Bauch in der Öffentlichkeit zeigt. Ich habe diesen Bauch, den sie angeblich so mutig zu Schau stellt, vergeblich auf dem Foto gesucht. Und versteht mich nicht falsch, diese Mutter hat alles Recht der Welt, wenn sie sich wohl fühlt, knappe zwei Wochen nach der Geburt im Bikini baden zu gehen. Aber ich verstehe weder, warum das eine Pressemitteilung wert ist, noch welches Bild das eigentlich vermitteln soll. Mein Bauch hat deutlichere Fettpolster. Aber die gehen eigentlich auch niemanden etwas an. Ich trage sie nicht mit Stolz, aber das ist mein Körper, ich bin keine 20 mehr, ich habe zwei Kinder auf die Welt gebracht, ich bin gesund. Und kurz nach der körperlichen Höchstleistung Schwangerschaft, während der sich ein Bauchumfang locker verdoppeln kann, ist es nur natürlich, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis der Körper wieder zurückgefahren hat. Und die angelegten Fettreserven sind nicht ohne Grund da. Eine alte Hebammenweisheit lautet: 9 Monate kommt er, 9 Monate geht er. Immer wieder werden aber in den Medien Frauen dafür gefeiert, dass sie wenige Wochen nach der Geburt über den Laufsteg schreiten, oder eben im Bikini an den Strand gehen. Und natürlich gibt es auch Körper, die innerhalb kürzester Zeit wieder so aussehen wie vor der Schwangerschaft. Aber ich bin mir sicher, dass das die wenigsten sind. Der Rest der Mütter bleibt kopfschüttelnd vor den Meldungen sitzen und fragt sich, wann ihr Körper jemals wieder „wie früher“ aussehen wird. 

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich nur sagen, dass ich natürlich total stolz war, wenn Freunde erstaunt angemerkt haben, dass ich schon wenige Monate nach der Geburt fast wieder wie vorher aussah. Ein komisches Gefühl haben allerdings die „jetzt reicht es aber“-Kommentare hinterlassen. Und an dieser Stelle möchte ich das äußerst sensible Thema Bodyshaming noch einmal aufgreifen. 

Die meisten Bodyshaming-Opfer gibt es wahrscheinlich unter den Übergewichtigen. Und auch ich selbst ertappe mich manchmal dabei, wenn ich deutlich übergewichtige Menschen dabei sehe, wie sie Pommes essen, oder enge Leggings tragen, dass ich denke „muss das sein?“ Und dazu habe ich nicht das geringste Recht der Welt.Ich würde das natürlich niemals laut aussprechen. Aber der Gedanke alleine zeigt mir schon, dass auch ich diese vorgefestigten Bilder im Kopf habe, was ästhetisch sei. Und dass ich Menschen aufgrund dessen beurteile. Ich weiß aber nichts über diese Personen. Ich weiß nicht, warum sie dick sind, oder warum sie heute Pommes essen oder warum sie welche Kleidung tragen. Und was auch immer sie tun, es ist ihr gutes Recht. 

Genauso müssen sich viele sehr schlanke Menschen immer wieder sagen lassen, sie „sollen doch mal etwas essen“, oder sie „seien sicher magersüchtig oder hätten Bulimie“. Das fällt genauso unter die Kategorie Bodyshaming und ist ungemein übergriffig. 

Die wirklich große Tragik ist für mich aber die Tatsache, dass die meisten Menschen Opfer ihres eigenen Bodyshamings werden. So wie ich auch. Mein Bauch ist zu weich, meine Oberschenkel zu dick, meine Arme waren auch schon mal straffer, die Nachbarin ist viel schlanker als ich. Der ständige Vergleich und die ewige Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. 

So einfach ist es gesagt, liebe deinen Körper wie er ist. Das können viele aber gar nicht. Ich auch nicht. Vielleicht ist es aber zumindest ein Anfang, meinem Körper etwas neutraler gegenüber zu stehen. Mein Körper ist meine Hülle, und natürlich muss ich ihn hegen und pflegen, damit er mich möglichst gesund durchs Leben tragen und schützen können. 

Ich muss ihn nicht lieben, aber ich darf ihn auch nicht ständig herabwürdigen. Akzeptanz ist schon ein Schritt in die richtige Richtung. Und zwar nicht nur für meinen eigenen Körper, sondern auch für diemeiner Mitmenschen. 

Und trotzdem halte ich es für richtig, für sich selbst herauszufinden, was das persönliche Wohlfühlgewicht ist. Das muss gar keine Kilozahl sein, vielleicht langt es auch schon zu wissen, in welcher Jeans man sich richtig wohl fühlt, wenn sie denn passt. 

Und jeder, der es schafft, sein Unwohlgewicht in ein Wohlfühlgewicht zu verwandeln und zu halten hat großen Respekt verdient. Aber alle anderen auch. 

Denn einen guten Menschen erkennt man niemals am Gewicht.