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Gewonnen? Verloren? - Essen

Moritz / Schauspieler / Köln

Nachdem ich so viel abgenommen habe, werde ich oft darauf angesprochen, ob der Verzicht mir nicht zu schaffen macht. All die leckeren Dinge, die ich angeblich nicht mehr essen darf. Fehlt mir das nicht?

Und dann auch noch alles aufschreiben und ausrechnen, das kann doch keinen Spaß machen? Oder?

Einmal loslassen. Das ist doch gesund! ... und so weiter und so weiter. 

Ich höre aber auch viel Zuspruch und Begeisterung. Das muss sich doch toll anfühlen, wieder „normal“ zu sein? Fühlst du dich selbstbewusster? Frei?

 

Nach nun acht Monaten seit Beginn der Abnehmphase und drei Monaten mit stabilem Gewicht kann ich sagen: Ja! Zu allem. Trotzdem ist gerade das Essen sicher das ambivalenteste Thema in Bezug auf Verzicht zur Zeit. Daher möchte ich darauf als erstes eingehen.

Natürlich ist es ein Verzicht für mich, wenn ich nicht im Stress schnell noch eine Tafel Schokolade vertilgen kann. Fühlt sich doch toll an. Schokokick.Top.

Auch das eine oder andere Glas Wein fehlt mir. Gerade in Gesellschaft. Aber auch beim Kochen. Ein Glas Wein beim Kochen durfte bei mir nicht fehlen. Milch im Kaffee gibt es auch nicht mehr immer. Mist. Und dann die Sahnesaucen – das fehlt mir.

 

Heute möchte ich aber nicht über den Verzicht schreiben. Das meiste fehlt ja eh nur dem, der es sich angewöhnt hat. Mir zum Beispiel. Ich möchte berichten, was ich gewonnen habe: In der Küche habe ich inzwischen Wege gefunden, die mich sehr zufrieden machen. Eigentlich muss ich ja auch nichts ganz weglassen. Nur die Menge und die Häufigkeit bestimmter Lebensmittel müssen angepasst werden. Ich habe für mich aber gemerkt, dass mir eine vollständige Umstellung leichter fällt und auch besser tut.

So kann ich zum Beispiel bis heute nicht einfach einen einzelnen Riegel einer Tafel Schokolade essen. Wenn sie einmal offen ist, ist sie auch schon weg. Ist mir letzte Woche ausgerechnet mit Weingummi passiert. Ich wollte unbedingt eines probieren. Und schwups, bevor ich die Bremse gefunden hatte, waren die ganzen 360g in meinem Magen verschwunden. Und es folgte die Lust auf mehr gepaart mit einem nagenden schlechten Gewissen und einem echt unangenehmen Völlegefühl, das ich aber doch zu vermissen glaube. Manchmal.

Wenn ich einen Aussetzer beim Essen habe – und die habe immer mal wieder, zuletzt sogar für einige Tage – dann liegt es daran, dass ich einmal das „Falsche“ angefasst habe. Gemeint ist – logisch – das Falsche für mich.

Was aber gut funktioniert ist selbstgemachtes und gekochtes, frisches Essen. Lecker muss es sein. Nahrhaft und befriedigend. Ich habe immer schon gerne gekocht, aber irgendwann hat sich eine Routine eingestellt. Es wurde gleicher und gleichförmiger. Jetzt hatte ich einen guten Grund, meine Art zu kochen zu überdenken. Andere Lösungen zu finden als Fett, Salz und einfach „viel“. Mich hat das in der Küche deutlich kreativer gemacht. Kochbücher werden regelmäßig gewälzt, Rezepte ausprobiert, abgeändert, erfunden. Das macht mich glücklich. Weniger glücklich bin ich, wenn mal was misslingt und einfach nicht schmeckt, versteht sich. Aber meistens klappt es gut. Dann bin ich stolz und freue mich wie ein kleiner Junge.

 

Ich fand es schon immer toll, wenn ich etwas Leckeres herstellen konnte. Insbesondere, wenn es etwas Neues war. Und das gelingt mir mittlerweile recht häufig. Auch die deutliche Fleischreduktion in der Küche fällt mir mittlerweile sehr leicht. Einmal umgewöhnt gibt es nun viele vegetarische und auch vegane Gerichte, die eben nicht so schmecken, als hätte man einfach etwas weggelassen. Ganz im Gegenteil: Es ist ein Gewinn für die Vielfalt im Geschmack. Manchmal macht es regelrecht „Peng“!

 

Verzichtsgefühle? Habe ich kaum bis überhaupt nicht.

Nur in richtigen Suchtmomenten fehlt mir dann was, bzw. ich meine, es fehle mir etwas. Dann will ich stopfen, völlen, schlingen. Nicht essen. Und es fühlt sich nicht besser an, so zu „essen“, sondern schlechter. Viel schlechter. Und ich kann ja nicht – wenn ich nicht befriedigt bin und mich daher nicht satt fühle – einfach mehr und dann noch mehr und noch mehr essen. Wenn ich etwas langsamer und bewusster esse, schmecken mir erstaunlicherweise selbst einfache Mahlzeiten heute besser als früher.

 

Und nicht zuletzt hat sich auch die Qualität meiner Lebensmittel verbessert. Da ich nun weniger Masse zu mir nehme, setzte ich auf Klasse. Und das geht auch kostenneutral. Weniger darf im einzelnen etwas mehr kosten. Macht am Ende keinen Unterschied. Und hat den netten Nebeneffekt, dass es zumeist auch noch besser schmeckt.

Punktezählen, Kalorien notieren, Essen generalstabsmäßig planen. Das hört sich nicht nur anstrengend und zeitaufwendig an. Das ist es auch. Aber: Es ist wie in einem Spiel. Oder einem Puzzle. Bis alle Teile passen, vergeht Zeit, Übung und es braucht etwas Hirnschmalz. Bis der Verein oder die Armee oder die Siedlung im Managerspiel aufgebaut ist ... Zeit, Übung und Hirnschmalz. Arbeit, Rückschläge, Zeit und manchmal auch Geld. All das investieren wir in Spiele. Und den meisten von uns machen Spiele trotzdem, oder vielleicht deswegen viel Spaß.

Irgendwie ist das Planen und Notieren des Essens und der Zubereitung zu einem Spiel für mich geworden. Je genauer ich dies verfolge, desto besser werde ich und desto mehr Freude bereitet es mir. 

Ob ich also unter meinem "Verzicht" leide? Ja, manchmal. Aber was ich gewonnen habe, ist weit mehr.

Und somit fühlt sich mein jetziges Leben in Bezug auf das Essen eben nicht wie ein einziger Verzicht an, sondern wie ein großer Gewinn.

 

Schade nur, dass ich in den letzten zwei Wochen mit vielen Terminen und viel Aufregung meine Spielstrategie ein wenig aus den Augen verloren habe. Die Folge: drei Kilo mehr auf der Waage. Aber was soll´s.

Mensch ärgere dich nicht!

Restart, nochmal rein in das Level und diesmal richtig. In den nächsten drei Wochen werde ich den Zwischengegner Hungerattacken im September 2018 bezwingen. 

 

Und mir dann – bereits trunken vom Sieg – einen guten Rotwein gönnen. 

 

Ein Gummipunkt also an den Verlust. Aber zwei an den Gewinn!