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Ciao, Lindenstraße, aber noch nicht heute

Moritz / Schauspieler / Köln

Einige Wochen war es nun ruhig um mich. Habe nichts geschrieben.

Entschuldigt dies bitte.

Erst war ich zwei Wochen stark erkältet und sonst es gab nichts zu vermelden.

Dann hatte ich wirklich viel um die Ohren – wie das so ist, wenn man krank war und vieles liegen geblieben ist.

Und einfach irgendetwas schreiben, nur um des Schreibens willen? Das macht für mich keinen Sinn.

Für euch sicher auch nicht - denke ich.

 

In der letzten Zeit habe ich etwas zugenommen. Zuerst planmäßig, dann leider durch den mangelnden Sport in der Erkältungszeit noch zwei (ok, drei) ungeplante Kilos obendrauf. Etwas geschämt habe ich mich und ich bin lange am Rechner vorbeigegangen, ohne zu schreiben, um mich dem nicht stellen zu müssen. 

Allerdings, die Zunahme war absehbar und ich habe es inzwischen stoppen können.

Sport und Ernährung sind wieder im Lot. 

Der Mut ist zurück.

Freitag wollte ich dann endlich wieder schreiben. Eben über dieses Thema. 

 

Letzen Freitag. 

Dann kam der Anruf. 

Moritz Zielke war dran.

 

Moritz, mach deine Mails auf, sagte er ... 

Was denn los sei?

Tu es einfach ... 

Was denn los sei?

 

Die Lindenstraße wird nicht verlängert.

Stille.

 

Ok, danke dir für die Info. Ich lese meine Mail. Bis bald mein Lieber.

 

An Schreiben über Gewicht, aber auch ansonsten war natürlich nicht zu denken. 

Ich könnte hier ausführen, warum die Lindenstraße ein so wichtiges Format ist. Unverzichtbar für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Aktuell, kritisch, ausgewogen.

Dass es nicht leicht war mit Sendezeitverschiebungen umzugehen, mit Sommersendepausen und anderen Einschränkungen der letzten Jahre, die dem Format sicher nicht zuträglich waren.

Alles klar.

Stimmt.

Kann man in der Presse der letzten Tage nachlesen.

Ebenso in den sozialen Medien, Foren und Magazinen.

Und dass es traurig ist für die vielen treuen Zuschauer, was ja auf viele von euch zutrifft.

Danke an dieser Stelle für die vielen Jahre der Treue und den Zuspruch zur Zeit. Mehr kann man sich nicht wünschen.

 

Mein Herz ist aber zur Zeit, ich hoffe auf Verständnis, woanders.

 

Da stand es also.

Schwarz auf weiß.

Eine kurze Mail zwischen Info und Bedauern. Einige wenige Zeilen nach all den Jahren. Was anderes blieb der Produktion GFF nicht übrig, sie hatten es ebenfalls nur sehr sehr kurzfristig erfahren. 

Sorry, nächstes Jahr ist Schluss. Leider kann die Info nicht warten. Die ARD gibt gleich die Pressemitteilung raus.

Nach 33 Jahren in diesem Format hatte ich dann etwa 20 Minuten Zeit, die Information zu verarbeiten. Diese kurze Mail. Ein Ding der Unmöglichkeit.

 

Musste trotzdem sein. Der erste Anruf der Presse ging nach den genannten 20 Minuten ein und danach hörte es auch nicht mehr auf. Eigentlich ist der Beruf Schauspieler ein schöner Beruf. An solchen Tagen ist er aber auch mal besonders hart.

 

Aber wie auch immer. 

Erstmal rauf aufs Rad und ab in die Produktion. 

Das Team sehen. 

Mit meinen Kollegen sprechen.

Zusammenhalt suchen. 

Viele von uns sind seit Urzeiten dort in Lohn und Brot. 

Ich musste erstmal wissen, wie es unserem Team geht. 

Einige Kollegen anrufen.

Allein sein? 

Undenkbar. 

 

Das anwesende Team wurde mittags im Akropolis informiert. Der Dreh wurde irgendwann danach abgebrochen. Bis dahin wurde von allen tapfer weitergearbeitet. 

Kurz nach meiner Ankunft habe ich dann begonnen, die Presseanfragen zu beantworten. Statements für Zeitungen, Bild, Tagesspiegel. Interviews im Radio. Für die aktuelle Stunde. Tagesthemen. Lokalzeit. Das ging bis in den Abend.

 

Erst danach wieder durchschnaufen.

Der Versuch, die Nachricht doch nochmal zu verdauen.

Scheitern. 

 

Zu den Kollegen in den Innenhof gehen, wo wir seit Jahr und Tag nach Drehschluss beisammen sitzen und so manche Party gefeiert haben. Team schon da. 

 

Das mit den Interviews hatte sich hingezogen. Ich kam also nach. Cosima war ebenfalls gerade erst dem Interviewmarathon entflohen. 

Aber schön die Kollegen alle zu sehen. Gemeinsam lebt es sich besser mit schlechten Nachrichten. 

Auch Ehemalige riefen an, schrieben Nachrichten voller Empathie und Bedauern. Überall bimmelten die Telefone. 

Einige Kollegen die nicht gedreht hatten kamen noch hinzu. Moritz (Momo) zum Beispiel. Ist halt ein Eingefleischter, der Momo-Moritz ;-)

Einige Kollegen gingen aber auch schnell nach Hause. Zu ihren Familien.

 

Nun wissen also auch wir, wie es sich anfühlt, was viele von uns dankenswerter Weise nur aus den Nachrichten oder, dem schlechteren Fall, aus dem Bekannten- und Freundeskreis kannten.

Deine Produktion wird beendet, dein Werk geschlossen, deine Pläne über den Haufen geworfen.

Zukunft?

Offen!

 

Deswegen also sind die Leute so schweigsam und nachdenklich, wenn sie nach ihren Gefühlen in so einem Fall gefragt werden. 

Es fühlt sich leer an. 

Surreal. 

Es wird sehr still.

Was will man dazu sagen?

Dass man wütend ist?

Traurig?

Ja.

Klar.

Und?

Was hilft es?

In der Fernsehwelt ist das ja ein ganz normaler Vorgang. Formate kommen und gehen. Jobwechsel und Neustarts gehören dazu. 

Kennt man.

Weiß man. 

 

Die Lindenstraße ist etwas anderes.

Gerade wegen der langen Dauer haben wir natürlich viele langjährige und treue Mitarbeiter, die zum Teil ihr gesamtes Berufsleben bei uns verbracht haben. Familien, wo beide hier arbeiten. 

Wie gesagt, die Gesichter dazu kennen wir alle von Werksschließungen, von Schlecker, Hertie etc ... 

 

Die Umstellung wird für uns alle nicht leicht.

Das Wirtschaftliche ist das Eine.

Aber es sind gute Leute, sie werden etwas finden.

Und wer weiß, nach einem drittel Jahrhundert der Treue hat die ARD, bzw. der WDR ja eine Idee für seine Lindensträßler, um den Übergang zu erleichtern.

 

Emotional wird die kommende Zeit aber sicher auch hart.

Da schließe ich von mir einfach mal auf andere.

Die Lindenstraße war und ist ein Zuhause für mich. 

Mit sieben Jahren habe ich dort angefangen. 

Mein Leben habe ich dort verbracht. 

Den Lebensalltag danach ausgerichtet. 

Wohnort.

Allgemeine Orientierung.

All das andere Berufliche wurde immer der Serie untergeordnet.

Oder zumindest angepasst. 

Hätte ich dort nicht so früh angefangen oder wäre die Lindenstraße nicht so lange und so erfolgreich gelaufen ... dann wäre ich nun vielleicht Schreiner, Schlosser, Anwalt, Lehrer?

Das wird nun alles neu.

 

Natürlich habe ich in den letzten zwanzig Jahren nicht nur bei der Lindenstraße gearbeitet.

Aber ein „Ohne“ ist für mich recht schwer zu begreifen. Ich kann mich an ein Leben ohne Lindenstraße halt einfach nicht erinnern. 

Die Lindenstraße ist ein Teil von mir. 

Ein guter Teil.

Der Gedanke, den Weg zum Produktionsgelände nicht mehr zu fahren, nicht durch die Flure zu laufen, die vielen Freunde und Kollegen in den Büros, dem Studio und auf den Bildern, die von allen Ehemaligen im Flur hängen (es sind viele, viele), nicht mehr zu sehen, nicht mehr durch die Deko zu schlendern zum Dreh. All die Wege, dich ich mit geschlossenen Augen gehen kann ... dieser Gedanke ist schwer zu fassen. 

 

Das Wochenende habe ich dann in aller Ruhe verbracht. Einige gute Freunde getroffen, viel Zeit mit mir selbst verbracht. Nun ist das schon etwas realer.

Die Lindenstraße hört auf.

 

Sorry, gelogen merke ich gerade jetzt. Es ist nicht realer. Noch nicht.

Die Gefühle haben sich ein wenig einsortiert. Eine Mischung aus Erschrecken und Aufbruch, Sorge und gespannter Hoffnung und Neugier und vielleicht, ja, vielleicht sogar ein wenig eine Befreiung.

Nun ist es also soweit. 

Auf auf zu neuen Ufern.

 

Wie es im kommenden Jahr werden wird, sich nach und nach von dann 34 Jahren zu verabschieden? 

Bei dem Gedanken daran wird es mir etwas mau. Alles zum letzen mal und ich bin doch bei sowas so nah am Wasser gebaut. Sehr männlich, jaja, ich weiß, ....dafür habe ich eine Glatze, die gleicht das wieder aus. 

 

Ein letzter Dreh mit Ex-Frau Nina, Philipp, vielleicht ja auch mit Momo?

Der letzte Satz zu Iffi, Andi, Gabi, Carsten und Tanja? 

Ein letztes Bier bei Vasili mit Alex?

Einen letzten Kaffee mit Anna und Mürfel bei Marcella im Café George?

Noch einmal Walzer tanzen zum neuen Jahr im September beim Silvesterdreh ... und ganz hinten links tanzt Ludwig Dressler heimlich mit Gung während Jack und Lea die Böller klauen und das Café Bayer sprengen?

Ein letzter Kuss mit meiner neuen Frau, Neyla. 

Abschied von Filmtochter Mila. "Chill your live" oder etwas ähnlich cooles wird sie mir zum Abschied mit auf den Weg geben

Ein letztes Mal: Mama, ich bin kein Hase!

Antwort: Ich weiß, mein Hase. 

 

Dann nur noch ein letzter „Nurton“.

Ein lautes „gestorben“ hallt durchs Studio. Das Licht geht aus. Wie jeden Abend.

Und wie jeden Abend der laute Ruf: „Entschuldigung, wir machen noch Fotos, lasst uns doch bitte das Licht an!“ 

Licht geht an. „Danke!“ Szenenfoto Nummer 1.987.388.399 ... ach was. Nummer „Letztes“ mit Steven. 

Endgültig Licht aus.

In die Garderobe. 

Klamotten vom Leib und rauf den Haken.

Die Schuhe von Klaus diesmal wirklich ordentlich parat stellen. Für den Kostümfundus. Klaus braucht sie ja nicht mehr.

 

Dann in die Maske und den Klausi für immer aus meinem Gesicht wischen – jetzt muss ich glatt doch ein paar Tränen verdrücken ... ich glaube das lasse ich im Dezember nächsten Jahres lieber und schminke mich dann zu Hause ab, wenn das jetzt schon anfängt ...

 

Im Anschluss an den letzten Dreh noch ein letztes Mal groß feiern.

Mit unserem Team.

Meinem Team.

Meiner Lindenstraße.

Meiner Kindheit. 

Jugend.

Meine ersten drei Jahrzehnten Berufsleben. 

Dem zweiten Zuhause.

Abschied ist immer schwer.

Wenn es schön war.

Hans Geißendörfer zum Abschied nochmal drücken ... 

Und dann?

Ab aufs Rad, noch einmal den Militärring lang durch den Wald, wie immer...

 

Und hinein in eine neue Zukunft. 

Mit vielen tollen neuen Erfahrungen und Abenteuern.

Wie das werden wird? 

Das hat uns die Lindenstraße doch gezeigt.

Vielfältig, tragisch, toll, traurig, wundervoll, überraschend, erwartbar, bunt ... und vor allem echt. 

 

Aber jetzt heißt es erstmal, dieses kommende Jahr zu begrüßen. 

Weiter unser Bestes zu geben, um uns und euch ein weiteres, letztes tolles Jahr mit dieser wunderbaren Serie zu schenken.

 

Traurig sein können wir immer noch.

 

Aber nicht heute, verschieben wir es doch auf morgen.