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Angst vor der Angst

Moritz / Schauspieler / Köln

Täglich ist es ein Hochgefühl, aus dem Bett zu springen, die Treppe wie im Flug zu nehmen und dabei ein winziges T-Shirt überzustreifen, das dann auch noch passt. 

Und weil ich so schnell abgenommen habe, schlägt mir allenthalben Bewunderung entgegen.

Es gibt fast nichts schöneres zur Zeit als einen langjährigen Kollegen, der im Vorbeigehen offensichtlich einen vermeintlich Fremden grüßt. Und dann stoppt und völlig verwundert ruft: „Nein, das gibt es doch nicht! Moritz?“

Das macht Spaß.  Das gibt Kraft und Selbstwertgefühl.  Aber das Ganze hat eine Kehrseite.

Ich weiß: Der Erfolg ist offensichtlich. Ich habe über vierzig Kilo abgenommen. Aber das ist trügerisch. Ohne Hilfe schaffen es angeblich nur 2,5% der Menschen, die stark abgenommen haben, das Erreichte auch zu halten. Mir ging es ja nach meinen bisherigen Abnehmversuchen nicht anders. 

Mit Hilfe können zwar deutlich mehr Menschen ihr Gewicht halten, aber längst nicht alle. 

Im Gegenteil. Gerade wenn man schnell abnimmt, ist die Gefahr enorm. Bei Menschen wie mir, die schon mehrfach dem Jo-Jo anheimgefallen sind, umso mehr. Das ist mir durchaus bewusst. Und warum sollte ausgerechnet ich zu der Minderheit gehören, die es schafft?

 

Und so schleicht sich immer mal wieder Angst ein. Ganz plötzlich.

Angst, mein neu gewonnenes Normalgewicht doch wieder zu verlieren. Angst, wieder raufzugehen mit dem Gewicht, quasi über Nacht, fast unbemerkt, ganz plötzlich, aus Versehen.

Und dann stehe ich da. 

Die Hose passt doch nicht mehr, das Hemd dann auch nicht.  Aber was soll’s, es sind ja immer noch 35 Kilos weg. Viel besser als früher. 

Ok, jetzt nur noch 30 kg, 29 ... Alles fein. 

 

Wäre es ja auch! 

85 oder auch 90 kg garantiert? Das hätte ich vor der Abnahme begeistert unterschrieben! Und das würde ich auch heute. Aber es würde ja nicht dabei bleiben. 

Bald wären es wieder über 90 kg und die Adipositas wäre schon wieder im gesundheitsschädlichen Bereich. 

 

Das Gedankenspiel kenne ich bereits: Ob 90 oder 94 kg? – Wen juckt es?! 98? – Den Unterschied merkt doch keiner! Und nächste Woche fange ich ja mit dem Abnehmen wieder an! 100? – Nun ist es auch noch egal. Doch noch die Bremse ziehen? – Zu spät, schon wieder dick! Wieder abnehmen? – Das schaffe ich nicht noch einmal. Wenn ich schon dick bin, dann kann ich das Leben auch genießen. Wie? – Na mit viel „gutem“ Essen. Versteht sich.

 

Es geht so schnell.

 

Als besonders hinterhältig empfinde ich die Angst vor der Angst. Angst davor, dass ich den Mut verliere, wenn ich Angst bekomme und einfach wieder anfange unkontrolliert zu essen. Blöd von mir? Stimmt. 

Aber so ist es und leugnen nutzt nichts. Ich muss mich damit auseinandersetzen. Oder doch lieber was essen? Essen hat doch immer geholfen: gegen Angst, Unsicherheit, Stress ...

Gut, dass ich mit diesem Problem nicht alleine bin und in der Gruppe genau diese Sorgen mit meinen Mitstreitern besprechen kann. Das hilft mir tatsächlich mehr als ich gedacht hätte.

Aber schon taucht ein neuer beängstigender Gedanke im Hinterkopf auf. Nächsten Februar endet das Programm und damit fallen auch die wöchentlichen Treffen weg. Ich hoffe bis dahin bin ich soweit eingespielt, dass ich auch alleine klarkomme, wenn es mal wieder hart wird mit der Zurückhaltung und dem Maßhalten. Ich hoffe, ich halte überhaupt bis dahin durch. 

 

Aber Hoffnung ist nicht Gewissheit. Und Gewissheit kann es an dieser Stelle nicht geben. 

Ich hätte sie aber so gerne.

 

Und so wiederhole ich mantraartig in meinem Kopf:  Hey, du bist so weit gekommen! Du hast so gut abgenommen! Der Sport macht dir inzwischen so viel Spaß! Du fühlst dich so wohl in deiner neuen Haut! Deine Gesundheit ist so viel besser! Und du bist nicht allein mit deiner Angst! Du kannst das schaffen! Du musst! – Nein, besser: du darfst das schaffen!

Egal! Du schaffst das!

 

Hab keine Angst!